Wenn die Trauer aus einer Mücke einen Elefanten macht

Trauern ist ein Prozess, der sehr individuell ist. Leider gibt es also kein Handbuch, in dem genau drin steht, was man wann zu erwarten hat und wie man am besten damit umgeht. Es ist eine persönliche Reise voller Höhen und Tiefen, wobei einem die Tiefen oft unerträglich vorkommen. Dabei kann es schon mal passieren, dass die Trauer aus einer Mücke einen Elefanten macht.

Von Mücken und Elefanten

Die letzte Zeit war für mich aus verschiedenen Gründen sehr emotional. In solchen Phasen merke ich, wie mein Fell immer dünner wird und langsam aber sicher zu einem dünnen Strickjäckchen verkommt. Dann reicht schon eine Kleinigkeit und die Trauer übermannt mich vollkommen. So auch vor kurzem: Während ich etwas geistesabwesend den Staubwedel durch die Wohnung schwang, fegte ich ein altes Bild von meiner Mama und mir vom Regal und das Glas des Bilderrahmens zerbrach. Ziemlich ärgerlich, aber eigentlich keine große Sache – sollte man meinen. Dank meines zum Strickjäckchen mutierten Fells traf mich diese Aktion so hart, dass ich aufgrund eines zerbrochenen Glases weinend auf dem Boden kniete und mir Vorwürfe machte. Immer diese Unachtsamkeit, meine Mama wäre jetzt bestimmt sehr enttäuscht und wütend! … Erkennt ihr schon die Mücke und den Elefanten?

Die richtige Balance finden

Während ich also wie ein kleines Häufchen Elend auf dem Boden saß und die Scherben meiner inneren Stärke zusammen kehrte, kam mir ein Gedanke. Mir war bewusst, wie unsinnig meine Reaktion war und dass meine Mama bestimmt nicht enttäuscht und wütend wäre, aber nichtsdestotrotz konnte ich nicht anders, als mich weiter schlecht zu fühlen. Ich stellte mir die Frage, wo man bei der Trauer die Grenze zieht zwischen „Jetzt stell dich nich so an“ und „Ja, du darfst auch diese Form der Trauer zulassen“. Wie findet man die Balance zwischen weiter machen und aktiv trauern?

80/20

Ich bin ein absoluter Profi im „unter den Teppich kehren“ und die Trauer ist da keine Ausnahme. Wenn ich bei der eben genannten Situation meine Emotionen also runter schlucken würde und weiter machen würde, würde ich dann nicht die Trauer unter den Teppich kehren? Auf all diese Fragen gibt es leider keine allgemein gültige Antwort, denn wie anfangs bereits erwähnt ist der Trauerprozess sehr individuell. Dennoch bin ich der Meinung, dass eine angepasste Form der 80/20 Regel vielleicht ein guter Lösungsansatz ist. Ist es ein zerbrochener Bilderrahmen wirklich wert, sich so fertig zu machen? In meinem Fall – nein.

Ich komme also zu dem Schluss, dass die Balance darin besteht, die Trauer zuzulassen, aber dass man dennoch den Blick für das Wesentliche nicht verlieren und sich nicht unnötig quälen sollte. Trauer zulassen und weiter machen schließen sich nicht gegenseitig aus, es ist ein ständiges Miteinander, dass man Schritt für Schritt lernt zu akzeptieren.

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